Work Wars IV – Die Städte und die Zeichen

Meinen Anzug habe ich bereits im Flugzeug angezogen, kurz vor der Landung. Er ist dunkel, aber makellos. Im Bad des A380 war genug Platz. Business Class.
Jetzt die schwüle Hitze und der Geruch von Kerosin. Shanghai. Ich bin mir nicht sicher, wie oft ich schon hier war. Es könnte auch irgendeine andere Großstadt sein. Ich werde jedenfalls freundlich begrüßt von einem Chinesen, nachdem ich durch die Zollkontrolle gekommen bin.
„Hallo, Jurgen, schön Dich zu sehen. Wie geht es Dir?“, fragt er in sehr leidlichem Englisch. Er hat so seine Probleme mit den deutschen Umlauten.
Ich antworte höflich und frage zurück, überspiele, dass ich keine Ahnung habe, wer er ist. Auch er trägt einen tadellosen, dunklen Anzug. Es ist einige Wochen her, und die Leute wechseln schnell hier. Außerdem hat mein Gehirn eine schlechte Mustererkennung für asiatische Gesichtszüge. Dann durchfährt es mich wie ein Blitz.
„Du erinnerst Dich an mich?“, fragt er.
Wahrscheinlich bin ich nicht der erste Europäer, der ihn so ansieht.
„Natürlich, Chaly.“
Der Blitz kam gerade im richtigen Moment. Chaly, ohne ‚r‘. Sie geben sich alle diese englischen Namen, weil wir mit ihren Zeichen nichts anfangen und ihre richtigen Namen nicht aussprechen können. Er ist etwa mein Alter, verheiratet, Frau mit Kehlkopfkrebs, möchte gern ein Kind, wenn sie die Chemo überstanden hat. Wenn.
„Wie geht es Deiner Frau?“
Ein versteinertes Gesicht.
„Es geht gut, danke. Wie geht es Deiner?“
„Die ist auch wohlauf, danke!“
„Wir müssen los“, sagt er.
Er will meinen Koffer nehmen, aber ich lehne ab. Wir gehen endlose Korridore entlang, die Rollbänder helfen dabei, etwas schneller voranzukommen. Auf Plakaten chinesische Schriftzeichen. Einige kann ich ungefähr deuten, etwas mit Wasser und Schmutz, die Partei und Ordnung. Dann das Zeichen für Eingang, oder Mund, und das für Ausgang auf der anderen Seite. An den Wänden sind riesige Monitore angebracht, auf denen Werbung läuft. Die kurzen Filme fahren in der Geschwindigkeit der Rollbänder mit. In einem läuft eine junge Frau durch riesige Hochhausreihen. Sie enthalten hunderte, tausende Wohnungen. Alle haben den gleichen Grundriss. Von jedem Balkon hängt genau ein roter Lampion. Ein Mann in dunkelblauer Uniform regelt freundlich lächelnd den Verkehr. In den Höfen zwischen den Blöcken blühen Blumen, stehen Palmen. Die junge Frau trägt ein langes rotes Kleid. Es ist an den Seiten so tief geschlitzt ist, dass man ihre Schenkel komplett sieht. Sie hält eine Leine in der Hand, an deren Ende ein Puma läuft. Er ist schwarz und bewegt sich ebenso elegant wie die junge Frau. Die Frau, obwohl umgeben von chinesischen Schriftzeichen, sieht europäisch aus. Nur als sie kurz den Kopf zur Seite wendet und in die Kamera blickt, erkenne ich einen leicht asiatischen Einschlag um die Augenpartie. Auch die Menschen um sie herum sehen europäisch aus, sie fahren in deutschen Autos vorbei und winken, oder halten europäische aussehende Babys in den Armen. Ein Schwarzer sitzt auf dem Geländer eines Balkons in einem der sehr hohen Stockwerke und trinkt aus einer von Eiseskälte beschlagenen Dose Coca Cola. Er winkt. Ein Blinder lächelt ihn an und tastet sich dann mit seinem Stock weiter auf dem makellosen Pflaster voran.
Ich stolpere fast, denn das Band ist plötzlich zu Ende. Hastig greife ich meinen Koffer und laufe weiter. Die kleinen Räder des mit Aufklebern übersäten Behälters für meine notwendigsten Dinge und die Kleidung bleiben zwischen starren, gelben Gumminoppen hängen. Es sind Laufwege für Blinde, die anhand der Markierungen auf dem Boden die wichtigsten Orte finden sollen. Wir kommen ins Parkhaus, Chaly lächelt und deutet auf eine schwarze Limousine deutschen Fabrikats. Der Kofferraum schwingt auf. Ich verstaue mein Gepäck, ehe mir jemand helfen kann, und setzte mich mit ihm auf die Rückbank. Der Fahrer trägt weiße Handschuhe, aus den Luxuslautsprechern des schweren Wagens tönt leise klassische Musik. Wir gleiten aus dem Parkhaus und durch die Straßen voller Verkehr. Die Hektik und der Lärm draußen sind hinter der gedämpften klassischen Musik kaum zu erahnen. Die abgasschwere Luft dringt nicht durch die frisch gewarteten Filter der Belüftungsanlage. In der Mittelkonsole stehen zwei temperierte Flaschen Wasser und zwei Gläser bereit. Ich trinke etwas davon und schreibe Nachrichten auf meinem Mobiltelefon. Dann beobachte ich die Szenerie draußen. Zwischen grau-schwefligem Himmel und grau-braunem Boden erheben sich vor uns Hochhäuser in frischem, goldenem Farbglanz. Fähnchen wehen und auf den Balkons leuchten rote Lampions. Das Gelände ist umzäunt von einer hohen Bretterwand, auf der Plakate kleben. Eine junge Frau läuft in einem roten Kleid vor einer blühenden Gartenlandschaft entlang. Vor ihr läuft ein Puma elegant dahin und balanciert eine perfekt gekühlte Dose Coca Cola auf dem Rücken, nach der die Frau gerade ihre Hand ausstreckt. Um ihren Hals hängt eine lange Kette, die einer Leine ähnelt. Ein Schwarzer mit einem Blindenstock winkt ihr zu. Ein Kind hoch oben von einem der Balkone lächelt mir hinter der Plakatwand zu und winkt. Ich winke zurück.
Wir erreichen unser Ziel und tun unsere Arbeit, schnell und effizient. Dann verabschiedet sich Chaly. Er könne nicht mitkommen, aber Richard würde mich empfangen. Es sei alles gebucht, ich könne unbesorgt sein. Ich habe ein wenig Sorge, allein in diesem so vertrauten und doch so fremden Land. Ich kenne nur wenige der sich oft in Nuancen unterscheidenden Zeichen, die Wahrscheinlichkeit eines Irrtums ist groß. Kaum jemand spricht hier eine der Sprachen, die ich erlernte. Der Fahrer lässt mich an einem der Bahnhöfe aussteigen, die wie Flughäfen aussehen und genauso riesig sind. Ich laufe durch einen langen, unterirdischen Tunnel und finde mein Gleis, zeige einem freundlich lächelnden Mann in schwarzer Uniform das Papier, das Chaly mir gab, steige ein und suche meinen Sitzplatz. Der Zug ist neu und pünktlich, die Fahrt rasend schnell. Eine Frau in roter Uniform mit langen Ketten daran kommt mit einem Wagen durch die Abteile und reicht mir eine eisgekühlte Coca Cola. Draußen vor dem Fenster rasen riesige Städte vorbei, mit riesigen Häusern, die in Gartenlandschaften stehen. Dazwischen dunkle und schmutzige Fabrikanlagen. Nach einigen Stunden hält der Zug und ich gehe vom Bahnsteig in einen der Tunnel. Er ist groß, unfassbar riesig und menschenleer. Ein einsamer Mann in einer roten Uniform lächelt mich an und weist mir den Weg. Ich schüttele den Kopf, deute auf den Boden und meine Uhr. Ich soll genau hier warten, so ist es verabredet. Eine junge Frau in schwarzer Uniform erscheint. Sie trägt weiße Handschuhe und hält ein Schild mit meinem Namen darauf. Ich deute auf das Schild, dann auch mich, und nicke. Sie lächelt und ich folge ihr den Tunnel entlang. Wir benutzen die Rollbänder, und die Werbung rast auf den Bildschirmen vorbei. Darauf stehen große, weiße Häuser vor goldenem Hintergrund. Eine Mannschaft von riesigen Schwarzen spielt Basketball gegen eine Gruppe von weißen Pumas. Ich verstehe nicht, was ich dort sehe. Dann stoße ich gegen einen Körper. Das Band ist zu Ende, und der Mann vor mir hatte zu lang gezögert. Er macht hastig einige Schritte vorwärts und tappt dabei mit einem Blindenstock auf die polierten Marmorfliesen. Als er bemerkt, dass er wieder sicheren Boden unter den Füßen hat, dreht er sich zu mir um und lächelt mich an. Er ist nackt und trägt einen Zylinder, den er jetzt elegant lupft und sich dabei verneigt. Ich lächle zurück und folge der Frau in der blauen Uniform weiter durch den Tunnel ins Parkhaus. Das Parkhaus ist leer, nur kurz vor dem Eingang steht mit offener Seitentür eine große, dunkle Limousine mit laufendem Motor. Davor wartet ein Mann in gut sitzendem, grünem Anzug. Er lächelt mich an, hält mir die Tür auf und setzt sich dann zu mir auf die Rückbank. Aus den Lautsprechern klingt Rapmusik, es ist ‚Lose Yourself‘ von Eminem.
„Wie geht es Dir und Deiner Frau?“, fragt er.
Ich habe keine Ahnung mehr, wie er heißt, oder ob wir uns bereits getroffen haben.
„Ich…ähm….ich habe keine Frau“, sage ich und warte auf den Blitz, aber nichts passiert.
„Du erinnerst Dich an mich, oder?“, fragt er.
„Ja. Natürlich.“, sage ich.
Er lacht.
„Wir haben uns noch nicht getroffen. Ich bin neu. Aber wir haben neulich telefoniert.“
„Ja. Genau“, sage ich und krame in meiner Erinnerung wie in einem Fiebertraum.
„Du bist Martin, richtig?“
„Ja. Richtig“, sage ich und überlege.
War es nicht Jurgen?
„Ich bin Richard“, sagte er.
„Genau“, sage ich und lächle.
Wir fahren durch Straßenzüge voll von blühenden Bäumen, gleiten unter riesigen Hochhäusern vorbei. Draußen ist es still und menschenleer, kein Auto ist zu sehen. Die Luft im Wagen ist plötzlich stickig, und ich lasse das Fenster herunter. Die Musik aus den Lautsprechern dröhnt.

If you had
One shot
One opportunity
To seize everything you ever wanted
In one moment
Would you capture it
Or just let it slip?

Frische Luft strömt herein. Auf einer Kreuzung steht ein Schwarzer. Er trägt ein Basketballoutfit der Harlem Globetrotters und regelt mit einer Coca-Cola-Fahne den nicht vorhandenen Verkehr. Die Fahrerin stoppt die Limousine und wartet, bis er uns freie Fahrt signalisiert.
Wir erreichen unser Ziel und erledigen unsere Arbeit, schnell und effizient. Richard kann mich nicht weiter begleiten, da er morgen einen anderen Termin hat. Die Fahrerin, erklärt er mir, wird mich zum Flughafen bringen. Es sei alles geklärt, ich brauche mich um nichts zu sorgen.
Der Flughafen ist riesig und völlig überfüllt. Eine reihe Frauen in grünen Militäruniformkleidern läuft im Stechschritt um die Halle. Die Vorderste hat an einer Leine einen Puma bei sich, der die Gruppe anführt. Ich fahre auf Bändern durch lange Tunnel voller Menschen, die sich mit den Werbefilmen auf den Monitoren im Hintergrund vermischen. Endlose Tunnel flackern über die Bildschirme, davor zeigen mir lächelnde Menschen mit europäischen Gesichtszügen ihre Babys, halten sie über das Geländer des Rollbands und möchten, dass ich sie auf die Stirn küsse. Mein roter Umhang verfängt sich zwischen Rollband und Geländer. Ein Mann in Uniform greift beherzt zu und verhindert so, dass ich plötzlich nackt dastehe. An der Passkontrolle sitzt ein nackter Mann in dem Häuschen. Er trägt eine Sonnenbrille und tastet mit einem Blindenstock meinen Pass ab, dann lächelt er freundlich, reicht mir eine Dose eiskalte Coca Cola und lässt mich passieren. Im Flugzeug läuft auf dem Monitor eine Dauerwerbesendung. Sie zeigt glückliche Familien an Flughäfen, die dem Dalai Lama zuwinken und ihm ihre Babys entgegenstrecken. Darüber winkt Mao gemeinsam mit Obama und Putin in die Kamera. Alle drei tragen rote Baseball-Mützen mit dem Coca-Cola-Logo darauf. Der Flug ist schnell und ohne Verzögerungen. Ich raffe mein langes rotes Gewand zusammen und gehe die Treppe hinunter auf das Rollfeld. Ein nackter Schwarzer in weißen Handschuhen und mit einem Uncle-Sam-Zylinder auf dem Kopf wartet vor einer Limousine und hält mir die Tür auf. Ich steige ein, und beobachte, wie er mit einem Blindenstock die Fahrertür ertastet, einsteigt und losfährt. Aus den Lautsprechern dröhnt ‚Run To The Hills‘ von Iron Maiden.

White man came across the sea
He brought us pain and misery
He killed our tribes killed our creed
He took our game for his own need

Wir verlassen das Rollfeld und fahren durch eine rote Staubwüste. Kilometerlang ziehen sich graue Häuserschluchten voll von den immer gleichen Appartements. Niemand ist zu sehen. Einige vom Wüstenstaub rote Rinder irren durch die leeren Anlagen. Von jedem Balkon leuchtet ein roter Lampion. Ich schaue neben mich und erschrecke. Ein Puma sitzt dort und schaut angestrengt geradeaus. Von seinem Hals führt eine Leine zu einer jungen Frau in einem roten Kleid.
„Hallo Thomas!“, sagt sie und lächelt mich an, „Wie geht es Deiner Frau?“

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