Eigentlich I

Ein kleiner Ausschnitt aus meinem neuen Buch, das wohlgemerkt noch in Arbeit ist – Arbeitstitel „EIGENTLICH“

Das Boot wirkte riesig, wie es so vor ihm im Hafen lag. Die erste Morgensonne ging gerade über dem Meer auf und tauchte die Umgebung in ein orangenes Licht. Acun Akyüz schaute die blaue Bordwand nach oben. In großen, weißen Lettern stand COAST GUARD darauf. Weiter oben auf einem der Aufbauten fand sich, etwas kleiner, die Aufschrift KUSTBEVAKNING, welche das Boot als Teil der schwedischen Küstenwache zu erkennen gab. Darunter, in noch kleinerer Schrift, ein Name: VIRGO. An Deck herrschte rege Betriebsamkeit. Befehle wurden gerufen, und eine Gangway ausgefahren. Der Bug des Bootes musste über zehn Meter hoch sein, während das Heck, von dem aus sich jetzt der Metallsteg auf den Beton des Kais schob, nur wenig über der Wasseroberfläche war. In der Mitte war eine Öffnung in die Seitenwand eingelassen, in der sich ein Beiboot befand, dass zumindest von der Größe her manchem als veritable Yacht gegolten hätte. An Deck des Hauptschiffes befanden sich mehrstöckige Aufbauten mit allerlei Antennen und Elektronik. Vom Bug zum höchsten Punkt und von dort wieder hinab zum Heck führte eine lange Kette mit aneinandergereihten bunten Wimpeln – die Flaggen der EU – Mitgliedsstaaten. Acun ließ den Blick die Kette entlanggleiten. Er wünschte sich seit langem, in dem Ensemble die rote Flagge mit dem weißen Halbmond und Stern darauf zu finden, aber seine Hoffnungen wurden seit Jahren von der EU zunichte gemacht. Gerade die großen und scheinbar liberalen Länder wie Deutschland ließen regelmäßig die Beitrittsgespräche an ihrem Veto scheitern. Obwohl in Deutschland fast drei Millionen türkischstämmige Menschen lebten, gab es in Kanzlerin Merkels Anhängerschaft und wohl auch in breiten Bevölkerung keine Mehrheit dafür. Die Türkei wurde als Urlaubsland geschätzt, und dennoch kannten die meisten Urlauber nur die Bettenburgen in Antalya, Alanya und so weiter. Das wirkliche Land einmal kennenzulernen, die Mühe machte sich kaum jemand.

„Hauptmann Aiküz?“, rief eine Stimme von der Reling und riss ihn aus seinen Gedanken. Acun rollte innerlich die Augen. Er schaute nach oben und sah einen Mann in der Uniform eines Kapitäns der Küstenwache. Strohblondes Haar wehte in der leichten, warmen Brise. Der Mann war groß und schlank, Acun schätzte ihn auf Mitte vierzig.
„Ja“, rief er zurück, „Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen!“
„Erlaubnis erteilt, Herr Hauptmann.“, kam die freundliche Antwort in akzentfreiem Englisch.
Acun warf seine Reisetasche über die Schulter, hielt sich mit beiden Händen an den Seilen fest und lief mit polternden Schritten die Metallbrücke hinauf an Deck. Der Kapitän salutierte militärisch und er erwiderte den Gruß. Acun hielt ihm seinen FRONTEX-Ausweis hin.
„Ilkka Mattsson. Sehr erfreut.“, sagte der Kapitän und reichte ihm jetzt die Hand. Er hielt sie fest, rückte näher und zog die Brauen zusammen. Sein Blick fokussierte den Ausweis.
„Akun Aik…“, begann er hob den Blick und lächelte freundlich, „Tut mir leid. Wie spricht man das aus?“
„A-tschun Akyüz. Acun mit tsch. Akyüz wie sie es schreiben. Fast jedenfalls, aber das ist nahe genug dran.“
„Okay. Willkommen an Bord der Virgo, Hauptmann Akyüz.“
Der Kapitän gab einen kurzen Befehl auf schwedisch, und der Bootmann machte sich an die Arbeit.
„Wir legen direkt wieder ab“, sagte der Kapitän und ging zügigen Schrittes das Deck entlang. Acun gab sich Mühe, ihm zu folgen, blieb aber mit seiner Reisetasche immer wieder an Wänden, Gerätschaften und Vorsprüngen auf den engen Wegen hängen.
„Ich habe Ihnen eine Kajüte vorbereiten lassen“, fuhr der Kapitän fort, „Es ist nicht das Hilton, aber dafür sind Sie allein. Wenn ich richtig verstanden habe, sind weite Teile Ihrer Arbeit geheim. Daher war diese Maßnahme leicht zu rechtfertigen.“
Er blieb stehen und sah Acun an.
„Danke, Kapitän. Geheim – nunja. Ich arbeite mit Elektronik, Überwachungstechnologie, solchen Dingen. Es sind viele private Firmen involviert, die natürlich ihr geistiges Eigentum schützen wollen. Die Ordner mit NDA’s könnte man wahrscheinlich bis zum Mond stapeln.“
„NDA’s?“
„Non-diclosure agreements, also Geheimhaltungsvereinbarungen. Dort ist genau geregelt, wer mit wem worüber sprechen darf. Es sind oft eher juristische Spitzfindigkeiten, als das es sich um wirkliche Hochtechnologie handelt. Bei manchen Systemen allerdings hat der eine oder andere schon die Nase sehr weit vorn. Daher die Geheimniskrämerei.“
„Verstehe. Wie dem auch sei, hier sind Sie ungestört. In den Mannschaftsräumen schläft man sonst normalerweise zu viert. Das kann bei den Wachwechseln und Diensten oft sehr anstrengend sein. Von Diskretion gar nicht zu reden.“
Der Kapitän öffnete eine schmale Tür und hielt sie mit ausgestrecktem Arm fest.
„Türen öffnen hier immer nach innen. Auf den Gängen ist es manchmal etwas hektisch, da besteht leicht Verletzungsgefahr. Am besten, sie werfen erstmal alles auf die Koje, machen dann die Tür zu und verstauen in Ruhe ihr Gepäck. Ich würde Sie gern in einer halben Stunde in der Messe begrüßen.“
„Messe?“
„Der Speisesaal. Es geht doch nichts über ein ordentliches Frühstück. Wenn Sie wollen, lasse ich Sie abholen.“
„Ja, sehr gern.“
„Wunderbar, Hauptmann Akyüz. Auf ihrem Schreibtisch finden Sie eine laminierte Karte mit allen wichtigen Informationen. Sie können das WLAN an Bord nutzen, nur möglichst bitte nicht für datenintensive Dinge wie Streaming oder Sonstiges, wenn Sie verstehen. Das ist draußen auf dem Meer immer noch relativ teuer.“
„Danke, Kapitän. Dann sehen wir uns in einer halben Stunde?“
„Bis gleich, Herr Hauptmann.“
Der Kapitän drehte sich um und verschwand in dem Gang. Acun schloss die Tür und verstaute den Inhalt seiner Reisetasche in dem winzigen Spind. Die Kajüte war klein, aber gut durchdacht. Überall fanden sich Schubladen oder Fächer mit Stauraum. Es war sogar wesentlich mehr, als er brauchte. Eine Schreibecke mit Leselampe bot Platz für seinen Laptop und einige Papiere. Er baute den Rechner auf, verband das Ladekabel mit einer der Steckdosen und stellte zufrieden fest, dass der Akku geladen wurde.
Der Boden unter ihm und auch die Wände begannen zu vibrieren, als das Geräusch der Maschine unvermittelt lauter wurde. Er schaute aus dem Bullauge über seinem Schlafplatz und sah draußen die Kaimauer langsam auf Abstand gehen. Kurz darauf fühlte er deutlich, wie die Virgo beschleunigte und sah den Hafen von Palermo zügig draußen vorbeistreichen. Er hätte gern die Altstadt erkundet, vor allem in den Abendstunden, wenn sich die Hitze legte und die kleinen Restaurants und Bars öffneten, aber dafür war leider keine Zeit geblieben.
Er drehte den Hahn an dem kleinen Waschbecken auf, ließ etwas Wasser in seine zu Schalen geformten Hände laufen und spritzte sich die lauwarme Flüssigkeit ins Gesicht. Aus dem Spiegel schaute ihn ein müde aussehender Mann an. Die schwarzen Augenbrauen waren an den äußeren Enden leicht heruntergezogen und ließen ihn immer etwas traurig aussehen. Er hatte oft versucht, sich diesen Gesichtsausdruck abzutrainieren, vor allem, als er noch jünger war. Mittlerweile hatte er sich daran gewöhnt, aber er mochte ihn noch immer nicht. Acun bildete sich ein, es läge an diesem traurigen Hundeblick, dass er oft nicht so ernst genommen wurde, wie er es für angebracht hielt. Gerade als er sich abgetrocknet hatte, klopfte es an der Tür. Er öffnete und wurde von einem militärisch dastehenden Deckoffizier begrüßt.
„Hauptmann Akyüz? Der Kapitän erwartet Sie zum Essen. Wenn Sie mir bitte folgen?“
Acun trat hinaus, schloss die Tür und bemühte sich, dem Mann zu folgen. Die engen Gänge, der schnelle Schritt und die schlingernden Bewegungen des Schiffes waren etwas, woran er sich würde gewöhnen müssen.

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